Die Trauer von der Seele schreiben …
Die Steiermärkische Landesbibliothek hat ein wertvolles historisches Dokument in ihren Bestand aufgenommen: Ein Kondolenzschreiben der Gemahlin von Erzherzog Johann, Anna Gräfin Meran, an die Dichterin Julie Gräfin Oldofredi-Hager. Der Brief aus dem Jahr 1873 drückt tiefes Mitgefühl nach dem Tod von Julie Oldofredis Ehemann aus.
Julie Oldofredi-Hager war eine autodidaktische Dichterin und lebenslang am gesellschaftlichen Leben beteiligt. Sie veröffentlichte mehrere Gedichtbände, die von der Kritik positiv aufgenommen wurden. Nach dem Tod ihres Mannes verfasste sie ein berührendes Gedicht, in dem sie ihre Trauer zum Ausdruck bringt.
Anna Gräfin Meran kannte Julies Schmerz, da sie selbst den Verlust ihres Mannes, Erzherzog Johann, betrauert hatte. Der Brief und die darin enthaltenen Zeilen zeigen eine tiefe menschliche Verbundenheit und das gemeinsame Verständnis für Trauer.
Ein Brief von Anna Gräfin Meran an Julie Gräfin Oldofredi-Hager




Im Jahr 2025 durfte die Steiermärkische Landesbibliothek ein ganz besonderes Geschenk von einer privaten Kunstsammlerin in den hauseigenen Bestand übernehmen: Ein Kondolenzschreiben von Anna Gräfin Meran (1804-1885), der Gemahlin Erzherzog Johanns (1782-1859), an die Dichterin Julie Gräfin Oldofredi-Hager (1813-1879).
"Es ist meinem Herzen Bedürfnis Ihnen über den schweren Verlust den Sie erlebten, meine inigste Theilnahme auszusprechen. Sie wissen, verehrte Gräfin welch herzlichen Antheil sowol ich - als auch mein seliger Erzherzog an allem nahmen was Sie und Ihren trefflichen Gemahl betraf und sie werden daher von der Aufrichtigkeit meines Beileides überzeuget sein. Wie schwer zu verwünden ein solcher Schlag ist - weiß ich nur zu gut aus eigener Erfahrung."1
Diese Zeilen aus der Feder von Anna Gräfin Meran erreichten Julie Oldofredi-Hager im September 1873, als ihr Gatte Hieronymus Ignaz Alexander Graf Oldofredi, den sie mit 17 Jahren geheiratet hatte, verstarb. Jahrzehnte lang hatte ihm Julie in aufopfernder Weise beigestanden und ihn auf sämtlichen Stationen seiner militärischen Einsätze - unter anderen auch in Graz - begleitet. Die dafür nötige Kraft und das Durchhaltevermögen bezog sie aus ihrem fortwährenden Wunsch sich Wissen anzueignen und ihrer großen Leidenschaft zur Literatur: "Sehr liebe ich es mich geistig zu unterrichten, habe nie aufgehört, aus wissenschaftlichen Büchern Nutzen zu ziehen und lerne noch jetzt aus manchen Wissenszweigen."2
Es prägte die Tochter aus einer der ältesten österreichischen Freiherrenfamilien wohl die vorzügliche Erziehung, welche auch Einfluss auf die geistige Regsamkeit der jungen Frau zeigte. Schon frühzeitig widmete sie sich dem Studium deutscher Klassiker sowie der Aneignung fremder Sprachen mit großer Lust und sie liebte es am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen. Über sich selbst schrieb sie: "Was mich aber viel öfter bei Leuten beliebt machte, als alles Uebrige, war mein heiterer Sinn und gute Einfälle, womit ich andere zu unterhalten wußte. Uebrigens schreibe ich besser, als ich mich sprechend ausdrücke, widerspreche gern und weiche niemals etwas Anderem als Gründen. Zur Falschheit fehlt mir jedes Talent; ich hasse die Lüge wie ein gemeines Laster."3
1839 erschien der erste Poesieband von Julie Oldofredi-Hager Blüthen des Gefühls, drei weitere folgten, welche "von der Kritik auf das beifälligste und schmeichelhafteste aufgenommen"4 wurden. Die literarische Fachwelt war ihr gewogen und unterstrich ihre autodidaktischen Fertigkeiten sowie ihre intellektuellen Fähigkeiten: "Eine der freundlichsten Erscheinungen in dem Gebiete der neuesten Literatur Deutsch-Österreichs ist unstreitig die geistreiche und gemüthsvolle Dichterin Julie Marie Christine Gräfin von Oldofredi, geborene Hager von und zu Altensteig."5
Viel Zeit ihres Lebens nutzte sie dazu "alles, was in das Gebiet der Geschichte und schönen Wissenschaften einschlug, nach Möglichkeit sich anzueignen und ihrem rastlosen Geiste jene Richtung zu geben, die sie dermalen auf eine so bedeutende Stufe der Kunst und intellektuellen Bildung stellt. Doch hat die Gräfin nie den geringsten Unterricht in der Poesie empfangen, sie ordnete das Versmaß nach dem Gehöre; eine wahre Naturdichterin!"6
Mit Kritik an ihren Werken pflegte sie einen sehr eigenwilligen Umgang: "Meine Dichtungen habe ich als bloße Spielzeuge immer angesehen, die mir über manche Trübe hinüber halfen; nahm darum keine Kritik derselben übel, habe mich aber stets warm über deren kleinstes Lob gefreut."7
Im Brief von Anna Gräfin Meran findet Julie Gräfin Oldofredi-Hager eine sehr mitfühlende Frau an ihrer Seite. Als Erzherzog Johann 1859 verstarb, hatte Anna selbst dasselbe Schicksal ertragen müssen. Im Nachlass Annas wurde später der Ausschnitt einer Wandtapete gefunden, welche sie wie eine Reliquie bei sich getragen hatte. Auf der Rückseite war mit zittriger Handschrift vermerkt: "Auf dieser Stelle ruhte der letzte Blick meines Erzherzogs, als er am 11. Mai 1859 um neun Uhr morgens in meinen Armen starb."8 Anna wusste, welchen Verlust der Tod einer überaus geliebten Person bedeutet und wie schwer diese traurige Zeit zu überwinden ist.
Julie Oldofredi-Hager nimmt Abschied von ihrem Gemahl mit einem berührenden Gedicht, das sie sich 1873 "von der Seele schrieb" und welches in "Die Dioskuren"9 veröffentlicht wurde:
Du schiedst von mir!
Du schiedst von mir, so wie der Sommer scheidet,
Der in des Herbstes Nebelgrau zerfließt,
Der Blick sich an der letzten Blüte weidet,
Und plötzlich merkt, daß rings es Herbst schon ist!
Ein Tropfen Wehmuth, der am Aug‘ gehangen,
Ein leises Zucken, das den Mund umzog,
So bist zuletzt von mir Du weggegangen,
Als all mein Sehnen stürmisch nach Dir flog!
So seh‘ ich ewig noch Dich vor mir stehen,
Die Thrän‘ im Aug‘, den stillen Wehmuthsthau,
So hoff‘ ich jenseits wieder Dich zu sehen,
Wenn dort noch traurig in Dein Aug‘ ich schau!
[1] Brief Anna Gräfin Meran an Julie Gräfin Oldofredi-Hager. Graz, 21.09.1873.
[2] Vgl. Ludwig Alois Staufe: Julie Gräfin Oldofredi-Hager. In: Der Phönix. Zeitschrift für Literatur, Kunst, Geschichte, Vaterlandskunde, Wissenschaft und Theater 3 (1852) 7, S. 51.
[3] Vgl. Staufe: Julie Gräfin Oldofredi-Hager. In: Der Phönix, S. 51.
[4] Vgl. Ludwig Alois Staufe: Julie Gräfin Oldofredi-Hager. In: Österreichische illustrierte Zeitung 2 (1852), S. 397.
[5] Vgl. Staufe: Julie Gräfin Oldofredi-Hager. In: Österreichische illustrierte Zeitung, S. 395.
[6] Vgl. Staufe: Julie Gräfin Oldofredi-Hager. In: Der Phönix, S. 51.
[7] ebd.
[8] Inge Friedl und Karl Friedl: Der erste Tourist. Mit Erzherzog Johann durch die alte Steiermark. Graz 2003, S. 77.
[9] Julie Gräfin Oldofredi-Hager: Du schiedst von mir! In: Die Dioskuren. Literarisches Jahrbuch des ersten allgemeinen Beamten-Vereines der deutsch-ungarischen Monarchie 2 (1873), S. 324-325.
